Pragmatischer Imperativ zum Umgang mit der NS Architektur Nürnbergs

Im Rahmen der Bewerbung Nürnbergs zur „Kulturhauptstadt 2025“ wird deutlich, wie wichtig das Thema Reichsparteitagsgelände in Gesellschaft und Politik ist und wie wenig der Umgang damit  vorangebracht wurde.

Nürnberg war Stadt der Reichsparteitage und daher bereits „NS Kulturhauptstadt 1933 – 45“.
Insofern wäre der aktuelle Titel eine große Chance zum Korrektiv.

Der Spagat zwischen Erhalt und Verfall konnte im gesellschaftlichen und politischen Diskurs nicht gelöst werden und geht nicht weit genug. Der Umgang mit den architektonischen Hinterlassenschaften Albert Speers ist nur möglich über die kompromisslose Respektlosigkeit der Kunst. Nur die systemrelevante Kraft der Kunst ist in der Lage das zu leisten.

Folgender Lösungsansatz bietet die Möglichkeit im Umgang mit der Bausubstanz des nationalsozialistischen Größenwahns:

Im Nationalsozialismus träumte man für die Zeit nach dem 1000jährigen Reich von einem romantischen Verfall der gebauten Manifeste bis hin zu den verklärten Tempeln, Amphitheatern und Arenen der Antike¹. Diesen Traum darf unsere demokratische Gesellschaft nicht in Erfüllung gehen lassen. Hitlers Architekt Speer formulierte die Ruinenwerttheorie². Der kontrollierte Verfall scheidet deshalb aus.

Eine Sanierung der Gebäude für eine Nachnutzung erhebt diese zur Architektur von aktueller gesellschaftlicher Relevanz. Selbst NS Architekt Werner March entwarf bereits ein Konzept zur Nachnutzung des Innenhofs der Kongresshalle als Fussballstadion³. Dies steht den nationalsozialistischen Relikten nicht zu und ist deshalb ebenfalls auszuschliessen.

Pragmatischer Imperativ

Die baulichen Relikte sind pragmatisch für Kunst und zur Schaffung von Kunst zu überformen. Es wird genutzt was nützlich ist. Die Relikte werden weitergebaut, ohne auf ihren ursprünglichen Bestimmungszweck einzugehen. Ein Rückbau muss zu jeder Zeit wieder möglich sein. Auf diesem Weg können sie von ihrem toxischen Geist befreit werden⁴.

Kongresshalle

Die Halle war als Kongresszentrum für die NSDAP, mit Platz für 50.000 Menschen geplant und sollte 70 m hoch werden, eine Machtdemonstration der Überlegenheit eines deutschen Volkes gegenüber anderen Völkern und Ländern. Diese Idee verlangt nach einem Demokratisierungsprozess.
Zukünftig soll das Gebäude samt Innenhof Heimat der „Internationalen Kunstdecennale“ werden.

Das Gebäude wird in seine bereits vorhanden Segmente aufgeteilt und den 47 europäischen und weiteren Gastländern zur Verfügung gestellt. Anders als in Venedig müssen keine Pavillons errichtet  werden. Jedes Land darf seinen Sektor für einen bestimmten Zeitraum, z.B. 10 Jahre, bespielen. Während dieser Zeit ist das Gebäude dauerhaft öffentlich zugänglich. Die Kunst wird vom Ausstellungszwang befreit und damit zum Selbstzweck. Der Umgang mit der Bausubstanz steht jedem Land frei, solange das Nachbarland nicht beeinträchtigt wird. Das Gebäude darf ausdrücklich weitergebaut werden, solange jede Veränderung zurückgebaut werden kann.

Zeppelintribüne

Die bröckelnde Steintribüne wird besenrein gemacht und weitergebaut. Die Tribüne wird mit einem einfachen, gläsernen Quader überformt. Das äußere Erscheinungsbild ist ein schlichter Glaskubus, der die alte Tribüne und die neuen Einbauten erkennbar werden lässt.
Im neuen Dach entsteht ein internationales Institut für politische Bildung.
Im Luftraum wird ein weiterer Kubus eingebracht, in dem Kulturveranstaltungen stattfinden.
Der Kubus schwebt nur wenige Zentimeter über der Führerkanzel, so daß dort kein Mensch mehr stehen kann.
Die Architektursprache ist mehr an Industriearchitektur anzulehnen, als an kunstvoll detaillierte Opernhäuser oder Konzerthallen. Der goldene Saal beherbergt alle Nutzräume und Nebenräume wie Toiletten, Garderoben oder Gastronomie. Das Bauwerk wird einfach und preisgünstig gestaltet. 

Fazit

Der gebaute Nachlass des Nationalsozialismus muss in relativierter Form Teil der Gesellschaft bleiben. Ein Störfaktor, der nicht dem kontrollierten Verfall preisgegeben werden darf. Die romantisierende Vorstellung seiner Erbauer darf sich nicht verwirklichen. Gleichzeitig dürfen die Bauten nicht zu musealen Exponaten werden.
Der Nationalsozialismus und seine Bauten sind und bleiben Teil der Geschichte Nürnbergs und Deutschlands. Jede Generation muss die Chance und Aufgabe haben, sich erneut mit der Historie auseinanderzusetzen. Die Wunde darf nicht heilen.

Nürnberg, 22.10.2020

Thomas Glöckner

Denkanstoß zur Überformung der Zeppelintribüne:

Mitarbeit und Illustrationen: Gerrik Steffen

Quellennachweis:

¹ Vgl. Caspar David Friedrich, Junotempel in Agrigent

 ²  Vgl. Werner March, Nachnutzung Kongresshalle als Fussballstadion 

(Quelle:  https://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/images/1600WM/39685,06.jpg )

 ³ Vgl. Karsten Neumann, Bethang